Exil ist harte Arbeit

Nil Yalter vor ihrem Werk Exil ist harte Arbeit. Foto:
© Nil Yalter Foto: Henning Krause

Fortbildung für Türkisch*lehrerinnen zur Sonderausstellung Nil Yalter. Exile Is a Hard Job

Ab dem 9. März zeigt das Museum Ludwig das Werk einer Künstlerin, der zum ersten Mal eine große Überblicksschau in Deutschland gewidmet wird. Nil Yalter wurde 1938 in Kairo geboren und wuchs in Istanbul auf. Die Künstlerin mit türkischen Wurzeln lebt und arbeitet seit 1965 in Paris. In ihrem Werk realisiert sie Collagen und Montagen, in die sie Fotos, Videos und Zeichnungen von Arbeiter*innen und Migrant*innen integriert. Mit diesen in den 1970er Jahren entstandenen Arbeiten gilt sie heute als Pionierin einer gesellschaftlich engagierten und technisch avancierten Kunst. Yalter ist eine Künstlerin, die feministische Anliegen und das Thema Migration in den Mittelpunkt ihrer Arbeit stellt. Damit ist ihr Werk gerade heute sehr aktuell und von großer Bedeutung.

Anlässlich der Ausstellung veranstaltete das Museum Ludwig in Zusammenarbeit mit dem Amt für Integration und Vielfalt eine Fortbildung für Lehrer*innen, die Türkisch und/oder Kunst unterrichten. Geleitet wurde sie von Timm Therre (Amt für Integration und Vielfalt der Stadt Köln), Björn Föll (Museumsschule), Diana Schuster (Kunstvermittlung Museum Ludwig) und Angelika von Tomaszewski (Leitung Kunstvermittlung Museum Ludwig für den Museumsdienst Köln).

Zu Beginn der Fortbildung bekam jede/r Teilnehmer*in eine dicke Wollschnur und drei kleine Papierabschnitte in die Hand. Die Aufgabe bestand nun darin, durch die Ausstellung zu gehen und darin mit einer Schnur einen Kreis zu legen und damit einen Ort zu markieren, den man ansprechend oder interessant findet oder bei dem Fragen auftreten.

Der Rundgang wird entlang der Markierungen gestartet. Foto: Museumsschule

In den Kreis legten die Lehrkräfte drei Notizen, auf denen sie jeweils ein Wort oder eine Frage aufschrieben, die ihnen zu diesem Standpunkt in den Sinn kam. Anschließend fand diesen Markierungen folgend ein Rundgang durch die Ausstellung statt, bei dem die einzelnen Themen und Fragen aufgegriffen und diskutiert wurden. Dabei war es besonders spannend, die verschiedenen Sichtweisen auf die Werke und die persönlichen Erfahrungen der Teilnehmer*innen zu einzelnen Positionen zu hören. Yalters Werk selbst lässt die Stimmen derer zu Wort kommen, die im Exil leben, mit patriarchalischen Machtstrukturen konfrontiert sind oder für bessere Lebensumstände kämpfen. Dabei kommen auch Themen wie Umgang mit Transgender, Intersektionalität, Diskriminierung, Geschlechtergewalt und Unterdrückung zur Sprache.

Die Arbeit Neuenkirchen wird gemeinsam betrachtet. Foto: Museumsschule

Im Anschluss an den Rundgang konnte zwischen fünf praktischen Übungen zur Annäherung an die Kunstwerke ausgewählt werden:

Zwei feministische Texte sollten in Abschnitte unterteilt und die wichtigsten Thesen in Kleingruppen diskutiert werden. Kopien von Yalters Fotos konnten mit Transparentpapier und Bleistift durchgepaust werden; dabei konnte man bestimmte Partien hervorheben oder weglassen. Danach wurde überlegt welche Wirkung dies hervorruft. Als Anbindung für diese Aufgabe bot sich zum Beispiel die Arbeit Headless Woman or Bellydance von Yalter an.

Beispiele, wie Schüler*innen auf verschiedene Weise Fotos mit anderen Medien übersetzen. Fotos: Museumsschule

Es bestand die Möglichkeit sich einfache „Masken“ aus Tonpapier zu erstellen, die auf Handyfotos als Leerstellen anstelle der Gesichter dienen. Bei verschiedenen performativen Handlungen erwecken diese erstaunliche Wirkungen. Je nach Belieben konnten die Masken auch mit einem Schriftzeichen oder –zug versehen werden. Diese Übung knüpfte an das Werk Turkish Immigrants an.

Zu dem Werk Le Chevalier d’Eon, in dem es um Transgender geht, konnten Stichwortkarten erstellt werden: welche Eigenschaften sind männlich zugeschrieben, welche weiblich? Dabei wurde diskutiert, woher die Zuschreibung und/oder Festlegung kommt.

Eigenschaften werden diskutiert: sind sie männlich oder weiblich? Foto: Museumsschule

Die Arbeit Circular Rituals, einem Text, indem Nil Yalter ihre facettenreiche Identität aufschlüsselt, lieferte den Anlass einen Text zur eigenen Identität zu verfassen. Eine zusätzliche Inspiration bot dazu der Songtext „Unsere Stammbaum“ von den Bläck Föös von 2000. Nachdem die Aufgabe gewählt und ausgeführt wurde traf sich die Gruppe wieder und stellte sich gegenseitig die Ergebnisse vor.

Eine Teilnehmerin stellt ihren Text zur Arbeit Circular Rituals vor. Foto: Museumsschule

Fazit: Gern hätte die Fortbildung länger andauern können, da es viel Gesprächsbedarf und Diskussion gab. Als das Museum um 18h die Pforten schloss, wurde auf dem Weg nach draußen noch eifrig diskutiert. Und: Nichts ist lohnender als ein Perspektivwechsel, den wir durch Yalters Arbeiten und auch durch unsere türkischen Kolleg*innen erfahren durften.

Vielen Dank!

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