Vom 10. Mai bis zum 1. Juli gibt es erstmalig im NS-Dokumentationszentrum ein besonderes Angebot: Schülerinnen und Schüler der Klassen 8. – 11 des Irmgardis-Gymnasiums Köln und des Paul-Klee-Gymnasiums Overath begleiten andere Schülerinnen und Schüler jeweils zwei Stunden lang durch die Ausstellung „Deine Anne. Ein Mädchen schreibt Geschichte“.

Dass dieses Experiment „Jugendliche (‚Peers‘) begleiten Jugendliche“ überhaupt stattfinden konnte, ist vor allem dem Engagement der beiden Lehrerinnen Frau Kamps vom Paul-Klee-Gymnasium Overath und Frau Buchholz-Heidweiler vom Irmgardis-Gymnasium in Köln zu verdanken. Sie haben uns die Schülerinnen und Schüler, die als ‚Peers‘ tätig werden wollten, vermittelt und dafür gesorgt, dass diese für die Zeiten der Begleitungen vom Unterricht freigestellt wurden. So konnten wir an 5 Wochentagen bis zu vier Workshop-Termine täglich anbieten.

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Gute Stimmung nach der Arbeit: Vier der insgesamt 20  ‚Peers‘ (©NS-Dok, Foto: B. Kirschbaum)

 

Nach einem zweitägigen Einführungsseminar durch Mitarbeiterinnen des Anne Frank Zentrums Berlin waren 20 Schülerinnen und Schüler der Klassen 8 – 12 bereit, mit anderen Jugendlichen über die Inhalte der Ausstellung zu diskutieren. In dieser Ausstellung wird einerseits die Geschichte von Anne Frank dargestellt, verzahnt mit den politischen Ereignissen dieser Zeit. In einem zweiten Teil werden mit verschiedenen Methoden Fragen der eigenen Identität, von Gruppenzugehörigkeit und von Alltagsdiskriminierung diskutiert.
Inzwischen verfügen die jugendlichen Begleit-Personen über reichhaltige Erfahrungen. Darüber berichten 5 von ihnen, alle aus dem Paul-Klee-Gymnasium Overath. Siri stellt fest: „Es tut gut, mit den Jugendlichen zu sprechen. Ich nehm jedes Mal was Neues mit.“ Das bestätigen auch die anderen. Im Gespräch mit den Schulklassen über die Fotos in der Ausstellung zeigten sich immer wieder neue Aspekte, es würden immer wieder neue Schichten freigelegt. Das hängt wesentlich von den unterschiedlichen Perspektiven und Erfahrungen der Betrachtenden ab. Dadurch, dass zwei Stunden „auf Augenhöhe“ gearbeitet wird, erzählen die Jugendlichen auch sehr persönliche Geschichten, zum Teil, weil sie sich selbst betroffen fühlen. An den oft erstaunten Blicken der begleitenden Lehrerinnen und Lehrer kann man sehen, dass sie hier ihre Schülerinnen und Schüler von einer ganz anderen Seite erleben als in der Schule.

Es ist für die Peers – und wohl auch für die Lehrpersonen – immer wieder eine Überraschung, wer sich am stärksten beteiligt. Paula war überrascht: „Es sind überhaupt nicht die ‚Streber‘, so die Fleißigen!“ Das ist vor allem aufgefallen bei den Gruppen aus den nicht-gymnasialen Schulformen.
Maja unterstützt das. Sie erlebt es genauso. „Ich hab immer gedacht, dass die Gymnasiasten die besten sind. Dabei haben sie häufig einen eher gelangweilten, abgehobenen Eindruck auf uns gemacht. Ich hatte erwartet, dass zum Beispiel in der Realschule die Störenfriede sind, die sich nicht konzentrieren können. Das war überhaupt nicht so. Mit denen oder mit Gesamtschülern zu arbeiten hat mir viel mehr Spaß gemacht. Von denen haben wir richtig gutes Feedback bekommen.“

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Diskussionen auf Augenhöhe (©NS-Dok, Foto: B. Kirschbaum)

Warum das so ist, erklärt ein Schüler der 10. Klasse der Realschule Köln-Dellbrück: „Man nimmt das sehr ernst, was Gleichaltrige sagen. Man hört besser zu, man zeigt mehr Respekt. Man kann sich ja gut vorstellen, wie es wäre, wenn man selbst in der Situation wäre. Sonst, bei den Führungen durch Erwachsene, wird man zu sehr an die Hand genommen.“
Die beiden Lehrerinnen dieser Klasse, Frau Franzen und Frau Harms, hatten auch nur Lob für die Arbeit der jungen Peers. Sie hoben positiv hervor, wie flexibel sich die Jugendlichen bei der Auswahl der Methoden auf die jeweiligen Gruppen einstellen.

Laurenz und Leon haben inzwischen sehr viel Erfahrung gesammelt mit den unterschiedlichsten Altersgruppen. An einem Tag betreuten sie kurz hintereinander eine sechste Klasse und ein Berufskolleg. Von der Lebendigkeit der jungen Schülerinnen und Schüler waren sie sehr angetan, auch davon, dass diese so viele wichtige Fragen gestellt haben. Vor den älteren hatten sie ein wenig Lampenfiber, und hier war die Beteiligung auch nicht so rege. Der begleitende Lehrer allerdings war begeistert von der Souveränität, mit der die beiden den doch deutlich älteren Schülerinnen und Schülern begegneten.

Für die Peers hat sich der Aufwand gelohnt. Sie haben deutlich an Selbstsicherheit gewonnen. Maja, die sich zunächst überhaupt nicht zutraute Gruppen zu betreuen, hat nun keine Schwierigkeiten mehr. Dass sie sich überhaupt als Peer gemeldet hat, verdankt sie ihrer Lehrerin, die sie ermutigte und unterstützte.

Leider geht die Anne-Frank-Ausstellung am 1. Juli zu Ende. Im NS-Dok beginnt nun das Nachdenken: Wie können wir das Engagement der Schülerinnen und Schüler auch weiterhin für unsere Arbeit fruchtbar machen? Dass sich das für alle Beteiligten lohnen würde, steht nach dieser Erfahrung außer Frage. Und auch: Man muss den Jugendlichen nur etwas zutrauen und sie auch mal „machen lassen“. Die Ergebnisse zeigen: es funktioniert.

Barbara Kirschbaum