Am morgigen KölnTag werden wieder mehrere Gruppen von Geflüchteten zusammen mit ihren Betreuern die Möglichkeit nutzen, die Museen der Stadt Köln zu besuchen. Unser Konzept, für die KölnTage spezielle Angebote aufzulegen, scheint aufzugehen. Kurz nach einer Informationsveranstaltung des Museumsdienstes „Ostasien am Aachener Weiher“ für BetreuerInnen nutzte die erste Gruppe aus einer Kölner Flüchtlingsunterkunft das neue Angebot, in die Kultur Ostasiens einzutauchen.

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Die Gruppe vor der Bronzeplastik „Usagi Kannon“ der Künstlerin Leiko Ikemura (Foto: Caroline Stegmann-Rennert, Museumsdienst Köln)

Die Idee zu dem Ausflug an einen besonderen, idyllisch gelegenen Kölner Kultur- und Lernort hatte Ying Fu-Franzen. Sie ist selber vor achtzehn Jahren von China nach Deutschland gezogen. Als Germanistin und Sprachtrainerin spricht sie perfekt Deutsch und gibt Deutschkurse für Geflüchtete.

Doch wie lassen sich die Besonderheiten ostasiatischer Kunst und Kultur einer heterogenen Gruppe von MigrantInnen vermitteln, die sehr geringe Deutschkenntnisse haben und bezogen auf die Themen des Museums kaum Vorkenntnisse mitbringen? Diese Frage stellt sich im Grunde allen (Museums-)Pädagogen, die mit Menschen arbeiten, die erst kurze Zeit hier leben und ganz unterschiedliche kulturelle Prägungen und (Über-)Lebenserfahrungen haben.

Die Gruppe, die zusammen mit Frau Fu-Franzen ins Museum für Ostasiatische Kunst kam, bestand aus sieben jungen Männer, die aus den südasiatischen Ländern Pakistan und Bangladesch stammen, sowie aus einem jungen Mann aus dem westafrikanischen Guinea. Die Intention der Museumspädagogin war es, neben dem Ausstellungsbesuch, die Besucher mit einem besonderen Ort in Köln bekannt zu machen. Das Museum am Aachener Weiher mit dem angrenzenden großen Parkgelände bietet als Oase der Ruhe, abseits des innerstädtischen Trubels, die Möglichkeit der Begegnung mit ostasiatischer Kunst und Gestaltung.

Nach der freundlichen Begrüßung ging es zunächst darum, die Museumsneulinge mit den Dos und Don’ts, also den Verhaltensregeln in deutschen Museen, bekannt zu machen. Der Einsatz von sprachunabhängigen, eindeutigen Icons war hier sehr hilfreich. Danach konnte die Erkundung der Sammlung starten: Vorbei an Vitrinen mit edlen Porzellangefäßen gelangte die Gruppe zu einem lichtdurchfluteten Ausstellungsraum, der einen schönen Blick auf den japanischen Innengarten bietet. Ein Setting mit traditionellem chinesischem Mobiliar, bestehend aus einem großen eleganten Schreibtisch, Stühlen und Hockern, bildete den Auftakt der Führung. Im Hintergrund des Arrangements ist ein chinesisches Rollbild mit dekorativer Pflanzen- und Vogelmalerei zu sehen.

Die Wertschätzung der Gelehrsamkeit und des Studiums in Ostasien waren ebenso Thema, wie die von den Ostasiaten traditionell verwendeten Schreib- und Malmaterialien: Pinsel, Tusche und Papier. Die mitgebrachten Objekte zum Anfassen, Pinsel aus Bambus und weichem Tierhaar, saugfähiges Chinapapier und gepresste Tuschestäbe, machten diese Materialien anschaulich und über bestehende Sprachbarrieren hinweg „begreifbar“. Ein weiteres Führungsthema war der „Bambus“, ein typisches Bildmotiv in Ostasien mit großer symbolischer Bedeutung. Als Pflanze ist er den Besuchern aus ihrer Heimat bekannt. Reichten die Deutschkenntnisse nicht aus, wurden zentrale Begriffe spontan ins Urdu, Hindi, Englisch, Bangla und Französisch und Chinesisch übersetzt, was zu einem angeregten Austausch und einer lockeren Stimmung beitrug.

Viele Freude machte es den Teilnehmern den praktischen Umgang mit dem Pinsel einmal selber im angrenzenden „Schriftlab“ der Sonderausstellung „Magie der Zeichen“ auszuprobieren. Einige trauten sich an das Kopieren chinesischer Schreibvorlagen, andere hinterließen Aufschriften in der ihnen vertrauten arabischen Schrift. Beim Gang durch Ausstellung weckten besonders einige zeitgenössische Exponate die Neugier der jungen Männer. Worum handelt es sich bei dem Gebilde aus Wachs? Ist es ein Eisberg oder ein Wasserfall?

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Chinesische Schrift selbst erproben im Schriftlab zur Ausstellung (Foto: Caroline Stegmann-Rennert, Museumsdienst Köln)

Zum Abschluss der Begegnung stiess die im Foyer aufgestellte überlebensgroße, begehbare Bronzeplastik „Usagi Kannon“ auf das Interesse der Besucher. Im Gegensatz zu allen anderen Exponaten durfte das Werk, der aus Japan stammenden japanischen Gegenwartskünstlerin, Leiko Ikemura, sogar berührt werden. Die jungen Männer nutzten die Gelegenheit, auch das Innere der jüngsten Erwerbung des Museums für Ostasiatische Kunst, das als neues Wahrzeichen des Hauses gilt und den Wunsch nach Schutz und Trost symbolisiert, zu erkunden.

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Im Inneren der „Usagi Kannon“ (Foto: Caroline Stegmann-Rennert, Museumsdienst Köln)

Fazit: Der Museumsbesuch hat allen viel Freude gemacht. Offenbar ist es bei dieser Zielgruppe besonders wichtig, passende auszuwählen und flexibel und kreativ, offen und kultursensibel zu agieren. Da das Üben der deutschen Sprache ein wichtiges Ziel für den Museumsbesuch darstellt, sollte die Vermittlung in möglichst einfachem Deutsch (Leichte Sprache) stattfinden. Hands-On-Objekte zum Anfassen (Riechen, Hören, Tasten) sind sehr hilfreich und regen die Besucher zum Mitmachen an, selbst wenn nur geringe Sprachkenntnisse vorliegen.

Die Bereitschaft und Fähigkeit, zentrale Begriffe in mehreren Sprachen zu wiederholen und ggfs. von den Besuchern in die unterschiedliche Herkunftssprachen dolmetschen zu lassen, lässt den Besuch lebendig werden und fördert die Partizipation aller.