„Kōrero mai“ heißt in der Sprache der Māori „Erzähl(s) noch einmal“. Die indigenen Bewohner Neuseelands überliefern ihre Geschichte nicht wie in der abendländischen Kultur über Schrift, sondern durch mündliches Erzählen. Das gesprochene Wort zählt. Die über viele Generationen hinweg überlieferten Erzählungen sind mit der abendländischen Geschichtsschreibung kaum vergleichbar. Zudem werden andere Formen wie Gesänge und Gedichte verwendet. Oft nutzen die Māori Objekte, die sie bei ihren Erzählungen als Erinnerungshilfen mit einbeziehen. Bei diesem Projekt waren es sogenannte Gourds – Kalebassen (getrocknete Kürbisse), die mit Ornamenten dekoriert sind.

Der neuseeländische Schriftsteller Glenn Colcquhoun (Foto: Autor)
Der neuseeländische Schriftsteller Glenn Colcquhoun (Foto: Peter Mesenhöller, Museumsdienst Köln)

Im Rautenstrauch-Joest-Museum wartete zunächst ein Korb mit getrockneten und bemalten Flaschenkürbissen auf die jungen Erwachsenen. Der neuseeländische Künstler Glenn Colquhoun hatte die attraktiven Objekte gestaltet. Als Arzt steht er in engem Kontakt zu den Māori und lernte von ihnen die Kunst des Erzählens. Einige seiner Geschichten hat er in Gedichtform auf den Kürbissen niedergeschrieben und in Performances vorgetragen.

Die Klasse begab sich in dem Projekt auf die Spuren der Māori und machte sich Gedanken darüber, wie Erinnerungen an die Heimat über eine derartige Erzähltechnik bewahrt werden können. Die geflüchteten Schülerinnen und Schüler schrieben für ihre Vorstellung eigene Gedichte und gestalteten Objekte mit den Texten und Malereien. Der Schauspieler und Theaterpädagoge Omar El-Saeidi erarbeitete mit den jungen Frauen und Männern eine Präsentation, die vor eingeladenen Gästen und Vertreterinnen und Vertretern der Presse zur Aufführung kam.

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Szene aus der Abschlussperformance (Foto: Karin Rottmann, Museumsdienst Köln)

Das Projekt hatte viele positive Effekte. Von Seiten der Museumspädagogik ist es immer wieder gut, neue Programmformate zu erproben. Schon lange besteht von unserer Seite der Wunsch, zu den Arbeiten von Glenn Colquhoun ein Schulprogramm zu entwickeln. Aus den Anregungen europäischer und ozeanischer Traditionen erschafft Glenn Colquhoun als zeitgenössischer Künstler eine moderne Form der Erzählkultur, die es heutigen Schülerinnen und Schülern erlaubt, Anbindungen zu ihrem eigenen Leben zu finden. Da wir mit einer internationalen Förderklasse arbeiten wollten, mussten wir einen Weg suchen, die sprachlichen Anforderungen zu reflektieren und unterstützende Maßnahmen planen. Mit Theresa Kuss, der Klassenlehrerin, entwickelten wir die Idee, einen einführenden Text mit Vokabelliste zum Projekt zu schreiben, der in der Schule als Vorinformation gelesen und bearbeitet werden sollte.

So vorbereitet, startete das Projekt mit einem Lichtbildervortrag im Rautenstrauch-Joest-Museum. Die gezeigten (nicht betexteten) Bilder konnten von den Schülerinnen und Schülern erklärt werden, da sie bereits über Vorinformationen verfügten. Schön war es zu sehen, dass beispielsweise die Lebenswelten Neuseelands beschrieben und selbständig Querverbindungen zwischen Naturformen und Ornamentik gefunden wurden. Außerdem wurden Transfers zu den Erzählformen der Herkunftskulturen hergestellt.

Wir diskutierten, wie nun weiter zu verfahren sei und boten den Schülerinnen und Schülern Eiformen aus Styropor an, die als symbolische Form erkannt wurden und die gleich Ideen für die eigene Arbeit auslösten. Es war der Klasse freigestellt, Texte oder Gedichte auszuwählen oder eigene Texte zu formulieren. Erstaunlich war, wie unterschiedlich die Ideen waren: Ein junger Mann aus Afghanistan schrieb ein Gedicht über seine verehrte Mutter, eine Schülerin aus Ghana verfasste eine Art „Klagelied“, in dem das Heimatland in seiner Schönheit beschrieben und das Leid der Menschen beklagt wurde eine junge Frau aus Polen wählte ein Zitat aus der polnischen Nationalhymne, andere wählten Fabeln und Märchen aus ihren Herkunftskulturen, die auf die eiförmigen Objekte geschrieben wurden.

Analog zu den Performances von Glenn Colquhoun sollten auch die Schülerinnen und Schüler des Projekts eine Präsentation ihrer Texte realisieren. Dazu bekamen sie die Unterstützung von Omar El-Saeidi, der als Schauspieler und Coach bereits viele Gruppen im Museum auf einen öffentlichen Auftritt vorbereitet hat. Er konnte der Gruppe helfen, sich abwechslungsreich und effektvoll zu präsentieren und vor allem alle „Ängste“ abzulegen und ein ausdrucksstarkes Team zu werden.

Die Internationale Förderklasse des Berufskollegs Humboldtstraße (Foto: Karin Rottmann)
Die Internationale Förderklasse des Berufskollegs Humboldtstraße (Foto: Karin Rottmann, Museumsdienst Köln)

Es war sehr schön zu sehen, dass die Klasse am vierten Projekttag eine perfekte 30-minütige Performance vor etwa 50 eingeladenen Gästen zeigte. Man sah den Stolz in allen Gesichtern und die Freude, die Anforderungen bewältigt zu haben.

Das Schöne an Projektpräsentationen ist, dass die Projektteilnehmerinnen und -teilnehmer über sich hinauswachsen. Die Schülerinnen und Schüler haben Einblicke in eine für uns alle „fremde“ Kultur bekommen und sich orientiert. Sie haben auch Brücken zu ihrer Herkunftskultur schlagen und mit eigenen Geschichten verbinden können. Neben der Vermittlung der Museumsinhalte sind aber auch andere Ziele durch das Projekt realisiert worden: Die Klasse hatte einen offiziellen Auftritt im Museum und repräsentierte die Institution in der Öffentlichkeit. Die jungen Frauen und Männer haben sich als leistungsstarkes Team erlebt und haben es alle geschafft, sich selbst vor anderen zu präsentieren.

Der außerschulische Lernort Museum ist ideal, nicht nur um neue Inhalte an einem besonderen Ort kennenzulernen, sondern über die Begegnung mit den Exponaten über die kulturellen Hintergründe der Besucher zu kommunizieren und sich selbst und das Verhalten in der Gruppe zu entwickeln.

Peter Mesenhöller