Meine Wahl: 16:00 Uhr, Köln in der Franzosenzeit. Direktorenführung im Kölnischen Stadtmuseum, zum Kölner Museumsfest. Der Direktor, Dr. Mario Kramp, nimmt uns frisch und ungemein munter an der Kasse unter seine Fittiche und führt uns hinein ins Museum. Plötzlich fühlt sich der Ort nicht mehr verstaubt an. Er wird zum Raum voller energetischer Objekte mit kraftvollem Potential. Neugierig und gespannt hören wir zu: Der Zeitraum der Franzosenzeit, 20 Jahre, von 1794 bis 1814, ein Blick auf das Stadtmodell, die Markierung der Umrisse und die Ausmaße der Stadt Köln in der vorgenannten Zeit: Der Einstieg ins Thema ist gemacht.

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Direktor Dr. Mario Kramp vor den Objekten zur Franzosenzeit (Foto: Susanne Kieselstein)

Mario Kramp spricht mit Verve und avec plaisir, und einer gehörigen Portion kölschen Humor, versprüht kölnische Stadtgeschichte, und die Funken springen über. Die Zuhörer folgen, immer wieder amüsiert und erheitert durch kleine anekdotische Bemerkungen. Sachliche, historische Informationen werden unterhaltsam und spannend, eine ansteckende Begeisterung, die Mario Kramp vermittelt. Und plötzlich erreicht den ein oder die andere auch eine Frage, jede Antwort ist möglich, getragen durch den wohlwollenden Charme des Fragenden.

Dann stehen wir vor dem Bildnis von Napoleon Bonaparte.

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Dr. Mario Kramp bei seiner Direktorenführung

Jauchzet, Uferbewohner, der Kaiser ist da“, mit dieser Parole hieß Prof. Wallraf, zuständig für die Festlichkeiten zum Empfang Napoleons, auf einem Triumphbogen am Rheinufer und auf Girlanden angebracht, Napoleon willkommen. Der war entsprechend begeistert und belohnt die Kölner. Sonderrechte und diverse Zugeständnisse sind der Dank.

Und was hat es mit dem Napoleon-Hut noch auf sich? Klar, wir alle kennen sie, jeder, zur Preußenzeit provozierte man damit die neuen Machthaber, später, dann im Karneval das Zitat der Provokation. Und dann die Jakobinermütze, ein besonderer Schatz des Museums, bekannt als Symbol der französischen Revolutionäre. Der Direktor vermittelt die aufregende Aufbruchsstimmung der Zeit: Veränderung, die Gruppe bewegt sich, wir wechseln erneut unseren Standort.

Das neue Denken der Franzosenzeit führt hin zu selbstbestimmten Handeln und neuen Ideen: Die Moderne bricht an und auf. Die alten Ordnungssysteme haben ausgedient, die Welt wird neu vermessen – im wahrsten Sinne des Wortes: mit neuen Maßeinheiten. Neue Maßstäbe werden gesucht, gefunden und festgelegt. Apropos Maßstab: Das Stadtmuseum ist im Besitz eines der wenigen hölzernen Ur-Meter; eine unscheinbare, schmale Holzleiste, die so viel in sich birgt. Von denen gibt es in Europa (oder gar weltweit) nur noch drei, und eine davon hat Köln! Da klingt neben der Freude darüber auch eine Portion Stolz des Direktors durch. Diese maßgeblich revolutionäre Entwicklung wird hier anschaulich! Die Akademie der Wissenschaften in Paris war der Urheber, sie arbeitete zeitgleich mit den politischen Strömungen an der Erfassung eines Einheitsmaßes, um Längen und Gewichte nicht mehr in Elle, Zoll und Fuß bzw. Scheffel erfassen zu müssen, sondern durch ein einheitliches, gemeinsames metrischen Maß- und Gewichtssystem. Und, auf der politischen Ebene?

So erhielt das Rheinland ein einheitliches Staatsgebiet mit einer effizienten Verwaltung und einem klar geregelten Gerichtswesen nach französischem Vorbild. Das „Bürgerliche Gesetzbuch“ (BGB) umfasst bis heute Artikel, die auf den „Code Civil“ und das „Rheinische Recht“ zurückgehen. Die katholische Kirche wird deutlich entmachtet, die Säkularisierung bringt auch die Toleranz gegenüber anderen Religionsgemeinschaften.

Die Wirtschaft und der Handel florieren und Köln wird die größte rheinische Handels- und Gewerbestadt dieser Zeit. Die Geschichte geht natürlich weiter … und es beginnt die Zeit der Preußen. Aber das ist eine eigene Geschichte und eine neue Führung.

Wer mehr zum Thema wissen möchte:  Kerstin Theis und Jürgen Wilhelm (Hrsg.): Napoleon am Rhein. Die Spuren der Franzosenzeit im Westen Deutschlands. Köln Greven Verlag 2008 (und hier die Rezension).

Susanne Kieselstein