„Identitäten vor der Kameralinse“ – so heißt eine Fortbildungsreihe für Lehrkräfte, die wir ein Jahr lang durchführen. Inhaltlich inspiriert von Candida Höfers Serie „Türkisches Leben in Köln“ beschäftigen wir uns mit den sichtbaren kulturellen Spuren unseres Lebens. Dabei entstand die Frage, wie Werke aus dem Museum auch in der Schule analysiert werden können, um Schülerinnen und Schüler in die Lage zu versetzen, selbst Fotoserien zu planen und zu realisieren, um damit Aussagen über aktuelle Lebenswelten treffen zu können. Den darauf soll die Fortbildung hinauslaufen: Am Ende wird eine Ausstellung von Schülerarbeiten stehen.

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Henri Cartier-Bresson: Rue Mouffetard, 1958, Museum Ludwig Köln (Foto: RBA Köln)

Aus der Sammlung Fotografie des Museum Ludwig suchte ich für unser Projekt geeignete Beispiele aus, um ein exemplarisches Vorgehen vorzustellen, und so diskutieren wir über Henry Cartier-Bressons „Rue Mouffetard, Paris 1958“. Ich bat meine Kolleginnen und Kollegen das Foto auf drei Aspekte hin zu untersuchen: „Was erzählt das Foto über den Ort, über die Menschen und Dinge?“

Der Ort

Wir sehen eine Straße in einer Stadt. Links führt die Fahrbahn tief in den Hintergrund. Rechts sieht man ein Eckhaus, vielleicht ein Geschäft oder ein Restaurant. Es ist eher eine Seitenstraße mit Geschäften in älteren Häusern, wie sie in Frankreich oder Belgien typisch sind. Wir meinen, dass es sich um eine kleine Geschäftsstraße handelt, die zu einem Wohnviertel gehört. Hier wohnen Bürger in geordneten Verhältnissen, keine reichen Leute, aber auch keine armen. Die Straße ist sauber und hat keine Bürgersteige. Es gibt wenig Autoverkehr. Im Hintergrund sind verschwommen zwei Autos zu sehen. Sie parken. Die Szene ist in diffuses Licht getaucht. Die Schatten sind ungenau und klein: Es ist Mittagszeit. Die Straße ist trocken. Man sieht lediglich eine kleine Pfütze oder trocknende Flüssigkeit vor dem Eckhaus.

Die Menschen

Einige Passanten sind zu sehen. Der Kleidung nach ist das Foto nicht aktuell, sondern wahrscheinlich aus der Nachkriegszeit. Die Personen vermitteln wegen der sich kreuzenden Gehrichtungen einen geschäftigen Eindruck. Wir vermuten den Sommer als Jahreszeit, dennoch tragen die Dargestellten Pullover und Jacken. Im Vordergrund geht ein Junge in kurzen Hosen und Pullover seitlich rechts am Fotografen vorbei. Seine Beine sind vom unteren Bildrand angeschnitten, das heißt, dass der Fotograf das Bild nicht gestellt hat. Es ist ein Schnappschuss und ein Beispiel der Streetfotografie. Es gibt eine weitere angeschnittene weibliche Person am linken Bildrand. Man sieht lediglich einen Ärmel und ein winziges Stuck eines gemusterten Faltenrocks. Der Junge vermittelt eine Dynamik im Bild, weil seine Gehrichtung nach rechts weist, während sein Kopf lächelnd erhoben nach links schaut. Diese Dynamik hat eine Entsprechung in den weiteren Personengruppen im Mittel- und Hintergrund der Straße. Das Bild vermittelt eine sonntägliche Stimmung.

Die Dinge

Die Kinder haben keine Schulsachen dabei. Ein Mädchen scheint etwas Essbares, vielleicht eine Eiswaffel in der Hand zu halten. Sie schaut, genauso wie das Mädchen hinter ihr, in die Kamera. Der Junge wirkt glücklich und stolz. Sein Stolz hat möglicher Weise etwas mit den beiden Weinflaschen zu tun. Wir nehmen an, dass der Junge den Auftrag hatte, die Flaschen zu holen. Vielleicht hat ihn sein Vater geschickt.

Das Foto erzählt über die Kultur Frankreichs eine Geschichte. Das war die Quintessenz unserer Betrachtung in der Lehrerfortbildung. Die Kolleginnen und Kollegen fanden die Vorgehensweise, bei der die Analyse in der Gruppe erfolgte und jede Aussage abgestimmt wurde, sehr geeignet für die Unter- und Mittelstufe. Weitere Fotos wurden dann noch in Partnerarbeit bearbeitet und dem Plenum vorgestellt.

Im Projekt möchten wir nun die Schülerinnen und Schüler mit dieser Vorbereitung des genauen Hinsehens befähigen, eigene Fotos mit kulturellem Aussagewert zu machen. Dazu wird es im Laufe des Jahres eine Ausstellung geben.

Karin Rottmann