Das Begegnungs- und Fortbildungszentrum muslimischer Frauen e.V. (BFmF e.V.) ist ein Zusammenschluss von qualifizierten Frauen aus verschiedenen Herkunftsländern, die durch Bildung, Beratung, Begegnung und Betreuung anderen Frauen helfen, ihren Platz in der deutschen Gesellschaft zu finden und ihr Leben hier selbst bestimmt zu gestalten. Der gemeinnützige, eingetragene Verein BFmF e.V. ist ein interkulturelles Zentrum der Stadt Köln. Die Kooperation des Museumsdienstes Köln mit den Muslima besteht nun schon viele Jahren.

Für einen Besuch ihres Konversationskurses im Museum Ludwig sprach mich Barbara Agelidis vor einiger Zeit an. Daraus entstand die Diskussion, was die Kursteilnehmerinnen interessieren könnte. Wir wollten neue Wege beschreiten und entschieden uns, das Thema Geschlechterrollen und Paardarstellungen zum Thema zu machen. Letzte Woche war es soweit. Der B1/2-Kurs erwartete mich schon freudig an der Kasse des Museum.

Picabia, Francis, La nuit espagnole, Ripolin & Leinwand, 1922 (Köln, Museum Ludwig, ML 01299.  (Foto: © Rheinisches Bildarchiv Köln, Buchen, Helmut, rba_d000106)
Francis Picabia: Die spanische Nacht, 1922, Köln, Museum Ludwig (Foto: RBA Köln)

Die erste Aufgabe beschäftigte sich mit der schwarz-weißen Arbeit „Die Spanische Nacht“ von Francis Picabia. Über „Gegensatzpaare“ sollten sich die Frauen dem Thema nähern. Die verschiedenen Gruppen taten das über Worte, die den beiden Bildhälften zugeordnet werden sollten: schwarz – weiß; männlich – weiblich; aktiv – passiv; Bewegung – Stillstand; Täter – Opfer… Schon zur auffälligsten Gegenüberstellung „Schwarz und Weiß“ gab es Diskussion, denn die Zuordnung konnte sowohl auf den Hintergrund als auch auf die Figuren bezogen werden. Die Methode regte eine lebendige Diskussion an und zeigte immer wieder, dass die Begriffe nicht eindeutig zuzuordnen waren. Sie zeigte aber auch, dass Kunst genau betrachtet werden muss. Bald lag die Vermutung nahe, dass Picabia die Beziehung zwischen Mann und Frau über das Motiv des Paartanzes in vielen und zum Teil widersprüchlichen Facetten zum Ausdruck brachte.

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Mit Wortkarten im Museum (Foto: Karin Rottmann, Museumsdienst Köln)

Es folgten weitere Übungen zu den expressionistischen Holzskulpturen von nackten Liebespaaren von Hermann Scherer. Zunächst sollten in Gruppenarbeit Museumsgraffitis zu den Skulpturen gelegt werden. Das Wort „Liebe“ wurde von mehreren Gruppen favorisiert. In der Diskussion wurde der Begriff abgegrenzt von den Wörtern „Sex“ und „Erotik“. Die Frauen meinten, dass der Künstler die Beziehung zwischen Mann und Frau allgemein darstellt, weil „die Gesichter so traurig“ aussähen. Das gab Gelegenheit über das Adjektiv „traurig“ zu sprechen. Wir fanden alle, dass der Gesichtsausdruck der Liebespaare durchaus so „lesbar“ sei. Ich stellte jedoch noch das Wort „ernst“ zur Diskussion. Die Frauen griffen zu ihren Smartphones und übersetzten sich das Wort. Sie nickten und meinten, dass das Wort „ernst“ besser passen würde und der Künstler die „Ernsthaftigkeit“ der Liebe zwischen Mann und Frau zum Ausdruck bringen wollte.

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Posieren wie Elvis (Foto: Karin Rottmann, Museumsdienst Köln)

Es war sehr berührend, dass auch mit relativ geringem Wortschatz ein derartiger Diskurs über Kunst und persönliche Einstellungen entstehen kann. Wir ließen unser Treffen heiter ausklingen. Mit einem „Bildhauerspiel“ wurde der „Doppelte Elvis“ von Andy Warhol nachgestellt – ein Paradebeispiel für männliche Körpersprache. Diese Erfahrung konnte dann in der Abschlussperformance einfließen: ein lebendes Bild zum Werk „Die Ausstellungseröffnung“ von Howard Kanovitz – im Schutze von „Promi-Masken“.

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Neue Rollen (Foto: Karin Rottmann, Museumsdienst Köln)
Kanovitz
Howard Kanovitz: The Opening (Die Ausstellungseröffnung), 1967, Köln, Museum Ludwig

Karin Rottmann