Was macht man, wenn die Objekte fehlen? Am besten um die Ecke denken. Eine Möglichkeit zeigt unser Angebot im Geschichtslabor des NS-Dokumentationszentrums. Dort haben wir eine Methode entwickelt, die mit „Stellvertreter-Objekten“ arbeitet.

Stellvertreter-Objekte

Hierzu haben wir biographische Erzählungen von Kölnerinnen und Kölnern, die zur NS-Zeit Kinder bzw. Jugendliche waren, unter einem besonderen Blick gelesen. Wir suchten nach Aussagen, in denen Gegenstände eine Rolle spielten. So erzählt zum Beispiel Manfred Simon, dass er als Junge rassistisch begründeter Bedrohung durch die Kölner Hitler-Jungen ausgesetzt war. Er traute sich aus Angst nicht mehr vor die Tür, zog sich immer stärker zurück und beschäftigte sich mit seiner Briefmarken-Sammlung. Diesen Aspekt seines Lebens können wir also gut durch ein Briefmarkenalbum darstellen.

Um die Ecke denken
Wenn die Objekte fehlen (Foto: Barbara Kirschbaum, Museumsdienst Köln)

Um die Ecke denken

Uns hat die Suche nach Gegenständen, mit denen sich einzelne Themen in den Biographien veranschaulichen lassen, großen Spaß gemacht. Es hatte detektivische Qualität, und manchmal war auch unsere Kreativität gefordert, wenn ein Objekt erst zu finden war, indem man „um die Ecke“ dachte. So erzählte Frau Dr. Ritter von der „Kükenschar“, einer Einrichtung für Vorschulkinder, die ihre Mutter leitete. Dort wurde zum Beispiel über ein Kinderlied „Wir sind die kleinen Küken aus der braunen Schar“ schon bei kleinen Kindern die Liebe zu Adolf Hitler verankert. Hier wurden wir im Deko-Laden fündig: ein Stückchen Kunstrasen mit Blümchen und kleine Kükenfiguren haben ihren Weg ins Geschichtslabor gefunden.

Was uns Spaß macht, müsste eigentlich auch anderen Menschen Spaß machen. Das probierte ich nun zunächst mit Lehrerinnen und Lehrern aus. Ihnen stellte ich aus dem dokumentarischen Material, über das das NS-Dokumentationszentrum verfügt, eine Biographie einer Kölner Widerstandskämpferin zusammen. Daran knüpfte sich die Aufgabe, auf die Suche nach möglichen Stellvertreter-Objekten zu gehen. Mit großem Eifer und unter angeregten Diskussionen wurden sie fündig und präsentierten stolz ihre Ergebnisse. Alle hatten große Lust, mit ihren Schülerinnen und Schülern in ähnlicher Weise zu arbeiten.

Um die Ecke denken 2
Wenn die Objekte fehlen (Foto: Barbara Kirschbaum, Museumsdienst Köln)

Vorteile

Die Methode hat viele Vorteile, besonders für die Auseinandersetzung mit dem Themenfeld Nationalsozialismus. Hier hilft es ungemein, den passiven „Gedenk-Modus“ durch die eigene Aneignung zu ersetzen.  Historische Phänomene prägen sich in der Verbindung mit einem konkreten Objekt viel tiefer ins Gedächtnis ein. Unsere Methode unterstützt die aktive Erarbeitung eines Themas, die Diskussion um einen passenden Gegenstand bietet einer Kleingruppe Diskussionsanlässe. Und die Kreativität wird gefördert. An die Stelle langweiliger (Powerpoint-)Vorträge trenen Objekttableaus. Eine Ausstellung kann entstehen, in der verschiedene Biographien gezeigt und verglichen werden können. Es tut gut, statt der immer gleichen Tablet-, Smartphone -oder Monitor-Oberfläche „richtige“ Gegenstände in den Händen zu halten, deren unterschiedliche Beschaffenheit noch einmal zusätzliche Reize bei der sinnlichen Wahrnehmung auslösen. Die haben zwar keine „Aura“, denn es sind ja keine Originale. Aber sie können berührt, und ggf. auch ersetzt werden. Und sie stehen eben nicht für sich, sondern als „Stellvertreter“ und erheben somit auch gar keinen auratischen Anspruch. Wie das Päckchen Soßenbinder oder die Kartoffel, die in der Biographie einer Kölnerin eine Rolle spielen.

Einsatz in der Gedenkstättenpädagogik

Nun scheint es erst einmal nicht so einfach zu sein, entspechendes biografisches Material zu finden. Schulbücher haben die biografischen Erzählungen häufig so sehr auf spezielle Informationsinhalte verdichtet, dass keine Gegenstände mehr zu finden sind. Hier helfen die Gedenkstätten. In der Regel verfügen sie über einen reichen Fundus an – häufig sogar noch mündlich tradierten – Erzählungen, aus dem man schöpfen kann. Das zeigt sich auch an der bisherigen Resonanz, denn inzwischen haben schon mehrere NS-Gedenkstätten diese Methode der pädagogischen Arbeit übernommen oder sind gerade dabei, entsprechende biografische Materialien zusammenzustellen.

In der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf werden zurzeit „Biografie-Boxen“ entwickelt, in denen die Schülerinnen und Schüler Stellvertreter-Objekte finden, die sie dann einer bestimmten Person zuordnen und die ihnen bei der Präsentation ihrer Arbeitsergebnisse helfen. Auch für die Gedenkstätte Hadamar, die an die Krankenmorde während der NS-Zeit erinnert, konnte ich geeignete Biografien finden und die Methode mit Stipendiaten der Konrad-Adenauer-Stiftung ausprobieren. Sie hatten die Aufgabe, mögliche Objekte in den Texten aufzuspüren und anschließend im Ort zu besorgen. Auch hier war das Ergebnis eine intensive Auseinandersetzung mit der zugrundeliegenden Lebensgeschichte und anschließend eine sehr anschauliche und lebendige Vorstellung der Arbeitsergebnisse. Es war nun möglich, zusammen mit einem Porträt-Foto der betroffenen historischen Person die entsprechenden Gegenstände zu einer kleinen Ausstellung zusammenzustellen und in kurzen Sätzen aufzuzeigen, welchen Aspekt der jeweiligen Biografie sie repräsentieren. Die Gedenkstättenpädagogin in Hadamar plant, die Methode für ihre Arbeit zu einzusetzen, und auch die Gedenkstättenpädagoginnen der KZ-Gedenkstätte Osthofen haben die Anregung aufgegriffen und werden entsprechendes Material für die pädagogische Arbeit in ihrer Einrichtung vorbereiten.

Barbara Kirschbaum