Identität – ein beflügeltes Wort. Allenthalben wird es verwendet, bei der Fahrkartenkontrolle im öffentlichen Nah- und Fernverkehr, am Flughafen oder bei der EC-Kartenzahlung. Doch woher stammt der Begriff eigentlich? Die Identität bezeichnet das Identisch-Sein mit sich selbst. Identisch mit sich selbst ist man, wenn man dasjenige ist, was man vorgibt zu sein. Die Identität ist die Deckungsgleichheit des Selbst mit seiner Biographie. In ihr verdichtet sich also die individuelle Erfahrung zu einer Einheit. Genau diese Einheit des Selbst mit sich selbst wird herausgefordert, wenn gleich zwei Identitäten in einem Selbst schlummern. Denn dieses Selbst scheint dann auf zwei verschiedene Weisen mit sich selbst identisch zu sein. Daraus ergibt sich natürlich die Frage, wie sich diese zwei Identitäten zueinander verhalten.

Um diese Frage nach dem wechselseitigen Verhältnis der Identitäten geht es auch bei dem von Karin Rottmann und Rosella Benati geleiteten Projekt „Identitäten in Köln“. Hier sollen Schülerinnen und Schüler aus dem herkunftsprachlichen Unterricht das Verhältnis zwischen ihrer Herkunftsidentität und ihrer deutschen Identität thematisieren. Ganz gleich, ob sie nun aus Spanien oder Italien, Griechenland, Russland oder der Türkei kommen, immer geht es um die Frage, wie die Traditionen und Gebräuche der Herkunftskultur der Eltern und Großeltern mit denen ihrer neuen Heimat koexistieren. Die Schülerinnen und Schüler sollen diese Koexistenz dokumentieren, indem sie sie fotografisch festhalten. Professionelle Hilfe erhalten sie dabei von Maurice Cox. Der erfahrene Fotograf wird mit den Lehrerinnen der Schüler verschiedene Kamera-Techniken erproben. Dazu werden Unterrichtsreihen konzipiert, die dann mit den Schülerinnen und Schülern umgesetzt werden. In diesen erlernen sie den Umgang mit der Kamera. Entsprechend „gerüstet“ können die Schülerinnen und Schüler letztlich interkulturell-interessante und ästhetische Bilder dokumentieren, die am Ende des Projekts im Kontext einer Ausstellung präsentiert werden.

Abb 1
Analyse von Candida Höfers „Türken in Deutschland“, Museum Ludwig (Foto: Morten Bierganns, Museumsdienst Köln)

Am vorigen Dienstag kam es zu den ersten konkreten Projektentwürfen im Museum Ludwig. Die Bilder der Fotografin Candida Höfer gaben den Versammelten eine Zielvorstellung. Höfers Fotografien aus den 1970er Jahren erzählen von türkischen Lebensentwürfen in Deutschland. Sie visualisieren die Verflechtung türkischer und deutscher Traditionen und sind oftmals direkt aus dem Leben gegriffen. Entsprechend eignen sie sich hervorragend als Inspirationsquelle und Vorlage für die Fotos der Schülerinnen und Schüler des herkunftsprachlichen Unterrichts. Und auch die Lehrerinnen konnten schon am Dienstag viele Ideen aus ihnen schöpfen. So schlug man vor, griechische Tanzvereine, kroatische Volkslieder oder türkische Hochzeiten zu dokumentieren. Köln zeigt sich in dem Zusammenhang als eine Stadt, in der es viele Menschen gibt, die diese Form von zweifacher Identität in sich tragen, der deutschen und der der Herkunftskulturen.

Im Projekt beschäftigen sich die Kinder mit beiden Kulturen, um am Ende beide Anteile sichtbar werden zu lassen. Mit der Kamera können sie ihre Welt, die voller interkultureller Bezüge ist, auf eine andere Art neu entdecken und sie künstlerisch mit dem Auge der Kamera erfassen. Kurzum: Sie können für ihre Identität, ihre deutsche und ihre ursprüngliche, sensibilisiert werden. Ein erster Schritt hin zu diesem Sensibilisierungsprozess fand bereits am Dienstag im Museum statt. Denn Karin Rottmann führte die Gruppe zu jenen Objekten, die den Begriff der Identität zum Thema machen können. Während es bei Jörg Immendorffs „Café Deutschland“ (1978) beispielsweise um die Identität Deutschlands ging, thematisierte James Rosenquists „Star Thief“ (1980) die Identität des Menschen im Kontext von Konsum und Warenwelt. Mit Hilfe von Wortübungen und poetischen Schreibaufgaben sollten dann vor den Gemälden Begriffe erschlossen werden, die eine angemessene Auseinandersetzung mit dem Identitätsbegriff möglich machen. Diese Übungen können die Kolleginnen aus der Schule für ihren Herkunftssprachlichen Unterricht nutzen.

Abb 2
Die Projektgruppe im Museum Ludwig (Foto: Morten Bierganns, Museumsdienst Köln)

Am Ende des Projektjahres werden die Fotos der Schülerinnen und Schüler ausgestellt. In der Zielvorstellung des ZMI – Zentrum für Mehrsprachigkeit und Integration und des Museumsdienstes Köln möchten wir neben der sprachlichen Komponente des Fachunterrichts die Bildsprache der Fotografie thematisieren. Damit soll die Auseinandersetzung der Schülerinnen und Schüler mit ihren verschieden Herkunftskulturen und ihrer Identität als Kölnerinnen und Kölner angeregt werden.

Wir dürfen den Fortgang des Projekts also freudig erwarten – er verspricht spannend zu werden.

Morten Bierganns