Alles für alle oder für Jeden etwas? – war am 16.11.die grundlegende Frage einer Inklusionsveranstaltung im Rautenstrauch-Joest-Museum. Es war der Start zu einer neuen Fortbildungsinitiative für unser Team. Wolfram Bockschewsky vom Amt für Schulentwicklung der Stadt Köln und Birgit Tellmann von der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland gaben in zwei Vorträgen Antworten darauf. Auch wenn sie unterschiedlich ausfielen, zeigten sie den Teilnehmenden Chancen und Herausforderungen inklusiver Projekte.

Mit Rollstuhl im ML
Mit Rollstuhl im Museum Ludwig (Foto: Museumsdienst Köln)

 

Gemäß der UN-Behindertenrechtskonvention von 2006 gelten die Allgemeinen Menschenrechte auch für Menschen mit Behinderung. Es sind Begriffe wie „Würde“, „Selbstbestimmung“ und „Chancengleichheit“, die wir demnach auch jenen ermöglichen müssen, die inklusive Projekte benötigen. Aber vor allem müssen Behinderte an gesellschaftlichen Prozessen vollwirksam teilhaben. Um diese Teilhabe realisieren zu können, dürfen diese Menschen jedoch nicht einfach verändert werden. Im Gegenteil muss die Gesellschaft sich offen zeigen und ihnen die Möglichkeit der Entfaltung gewährleisten.

Die Teilhabe an Lernprozessen, Lehrangeboten und am sozialen Austausch wirklich werden zu lassen, war Herrn Bockschewsky ein besonderes Anliegen. Doch sein Vortrag machte deutlich: Noch gähnt ein klaffendes Loch zwischen dieser Zielvorstellung und der Realität der Inklusion. Denn noch sind es die Kinder, die vom System verändert werden, um überhaupt Teil desselben zu werden. In Förderschulen werden sie „fit“ gemacht für die Regelschule. Doch Inklusion, so Wolfram Bockschewsky, bedeutet etwas anderes. Es bedeutet das System „fit“ zu machen. Die Kinder sind der Zweck, nicht das Mittel. Sie sollen diejenigen Bedingungen vorfinden, in denen sie sich optimal entfalten können und sich nicht erst diesen Bedingungen anpassen müssen. Das hieß für den Vortragenden ganz konkret, dass Behinderten die Türen der Regelschulen von vornherein offenstehen müssen. Nur dort können sie in heterogenen Klassenverbänden mit- und voneinander lernen.

„Manches hat sich da in den vergangenen Jahren getan“, so Bockschewsky. Der Anteil der Kinder, die Förderschulen besuchen, ist in Bremen und Hamburg bereits auf weniger als zwei Prozent gesunken und auch überall sonst nehmen immer mehr Kinder am Unterricht in Regelschulen teil. Doch immer noch sind viele Hürden zu nehmen, damit Schulen wirklich barrierefrei werden und alle an allem teilhaben. Diese Herausforderungen zu meistern, ist für Herrn Bockschewsky  „eine  Frage der Haltung, keine Frage des Wissens. Inklusion ist mehr eine Frage des Wollens als eine des Könnens“.

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Reiner Delgado vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband e.V. am Tastmodell in der Ausstellung “Japans Liebe zum Impressionismus” (Foto: BKH Bonn)

Doch nicht allein das Schulsystem ist gefragt. Ebenso müssen die Museen ihre Konzepte überdenken, um inklusive Besuchergruppen angemessen empfangen zu können. Auch hier blicken wir einer Zukunft voller Chancen und Herausforderungen entgegen. Und auch hier muss sich das „museale System“ für entsprechende Besuchergruppen „fit“ machen – nicht andersherum. Wie das konkret aussehen kann, erörterte uns Birgit Tellmann in ihrem Vortrag anhand eines Fallbeispiels. Dieses bezog sich auf die Implementierung von Audio- und Tastmodulen in der aktuellen Ausstellung der Bundeskunsthalle: „Japans Liebe zum Impressionismus“. Die Module sprechen verschiedene Sinne zugleich an. Audiodeskriptionen übermitteln konkrete Informationen über die ausgestellten Werke, und die Tastmodule liefern taktile Information über die Oberflächenbeschaffenheit und Pinselführung einzelner Gemälde. In enger Zusammenarbeit mit Sehbehinderten wurden diese Module von der Düsseldorfer Künstlerin und Kunstvermittlerin Susanne Ristow entwickelt. Sie sind im Stile japanischer Wandschirme konzipiert und bestehen teils aus Holz, teils aus Leinwand. Die unterschiedlichen Oberflächen vermitteln den Sehbehinderten die Malunterlagen der japanischen und der europäischen Kultur. Im Bestfall stimulieren sie einen taktilen interkulturellen Dialog. Dadurch ist auch inklusiven Besuchergruppen die Möglichkeit gegeben, Museen eingehend zu erfahren.

 

Für Birgit Tellmann stand jedoch fest: „Alles für alle“ bleibt eine unmöglich zu realisierende Zielvorstellung im Museum. Denn dadurch käme der rote Faden jeder Ausstellung abhanden. Wer sich auf alle einstellt, der verwischt die Ausstellung, so Tellmann. Die Losung für den Museumsbetrieb sei folglich: „Für Jeden etwas“.

Inklusive Gruppe WRM
Inklusive Gruppe im Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud (Foto: Museumsdienst Köln)

Und wie reagiert der Museumsdienst Köln auf die Inklusionsfrage? Was muss im konkreten „Ernstfall“ passieren, wenn beispielsweise eine Führung durch verhaltensauffällige Personen gestört wird? Um welche Objekte macht man einen Bogen und welche Programme klammert man beim Besuch inklusiver Gruppen aus? Benötigen wir Fortbildungen zu dem Thema? Sollen sich Führungen fortan an den „Stärksten“ oder den „Schwächsten“ Gruppenteilnehmern orientieren?

Der Beantwortung dieser Fragen wurde in einem abschließenden Workshop Rechnung getragen. Die meisten waren sich dabei einig: Fortbildungen über den angemessenen Umgang, vor allem mit verhaltensauffälligen Kindern sind wichtig. Eine Modifizierung des Bestellformulars, damit im Voraus bereits Informationen über kritische Besucher eingeholt werden können, ebenfalls. Erfreulicherweise war es aber für niemanden notwendig, inklusive Gruppen von einzelnen Projekten oder Ausstellungen völlig auszuschließen.

Vielleicht ist die Zielvorstellung einer Inklusion, die alles für alle anbietet, in Zukunft also doch noch realisierbar. Auf jeden Fall gibt es für Gruppen schon eine Reihe von barrierefreien Angeboten

 

Morten Bierganns