Sigmar Polke (1941-2010) hat immer wieder Palmen dargestellt und dem Motiv mehrfach neue Sinnbezüge gegeben. Witzig ist beispielsweise die Zollstockpalme, die in der Ideenwelt des Künstlers als reales Werkzeug aber auch als Ausdruck von Empfindungen, Ideen und für Versuche genutzt werden kann. Diese Vielschichtigkeit ist ein Wesenszug im Werk Polkes.

Im Palmen-Bild von 1964 bemalte der aus der DDR stammende Künstler einen gemusterten Stoff mit zwei Palmen. Die tropischen Bäume sind nicht mit einem Untergrund verwurzelt, sondern hängen bei genauer Betrachtung in der Luft. Dennoch entsteht nicht der Eindruck eines Musterrapports. Die helle Schräge, die einerseits eine geometrische Form ist, aber andererseits eine Sandböschung darstellen könnte, setzt die Palmen in einen scheinbar verortbaren Kontext. Auf diese Weise wird aus dem gemusterten Stoff ein Hintergrund für eine tropische Landschaft. Die ornamentale Kulisse zerstört den Eindruck von Landschaft nicht. Das geschlängelte Streifenmuster suggeriert ein Dickicht aus Lianen in einer Dschungelwelt als Versatzstücke exotischer Sehnsuchtslandschaften.

Polke wendet in der Konfrontation des gemusterten Stoffs mit der gemalten Palmenlandschaft das aus Dadaismus und Surrealismus bekannte Collageprinzip an. Über die Begegnung der beiden Elemente aus unterschiedlichen Zusammenhängen entsteht etwas Neues, etwas Drittes, „die“ Landschaft, das Bild für Exotik par excellence der Generation „Wirtschaftswunder“.

Man verkennt Polke, würde man glauben, die Darstellung des „Sehnsuchtsmotivs“ wäre das Ziel seiner Kunst. Die Irritationen sind bereits aufgezeigt: Die Urlaubslandschaft mit dem Dreieck und den symbolhaften Bäumen wirkt zusammengewürfelt und haltlos wie die Böschung, die zu steil ist für das Sonnenbad. Die Kulisse versperrt den Blick des Betrachters. Man fragt sich, ob dieses „Urlaubsszenario“ als ironische Stellungnahme verstanden werden will. Diese Landschaft ist keine Idylle.

Polke Palmen
Siegmar Polke: Das Palmen-Bild, 1964, Privatsammlung (Foto: © Alistair Overbruck, © The Estate of Sigmar Polke / VG Bild-Kunst Bonn, 2015)

Polkes belanglos wirkende Komposition hat Kalkül. Die Muster und Motive sind Bezugselemente eines gesellschaftlichen Systems. Polke spielt mit der Bildsprache des Nachkriegsdeutschlands. Wir begegnen in den Werken den Stellvertretern der Nierentische, den „kleinkarierten“ Designs, aber auch der abstrakten Kunst der westlichen Welt, die sich gegen den „Sozialistischen Realismus“ abgrenzte. Polke entlarvt diese Welt der Bilder als Zubehör eines Deutschlands, das sich nach den Traumata der NS-Zeit und des 2. Weltkrieges in Kleinbürgerlichkeit einrichtete. Diese Idylle enthält in Polkes Kunst jedoch Sprünge und Risse: die Palmen haben keinen Halt, die Aussicht auf das Meer ist versperrt durch undurchdringliches Dickicht. Die vielen Schattierungen des Streifenstoffes werden zum Sinnbild möglicher Verstrickungen vieler mit den Geschehnissen der „braunen“ Vergangenheit.

Palmen nach Polke
Didaktisches Material zu Polke (Foto: Karin Rottmann, Museumsdienst Köln)

Es ist nicht leicht, heutigen jungen Museumsbesuchern die Ästhetik der deutschen Nachkriegszeit zu vermitteln. Wegen der Retrolooks werden die „spießig-biedermeierlichen“ Dekors und Symbole aus Polkes Szenarien heute nicht mehr so empfunden. Deshalb sei hier eine Übung vorgestellt, die über die Konfrontation des Palmenmotivs mit verschiedenen Mustern die Arbeitsweise deutlich machen soll. Um die subtilen Bedeutungsebenen in Polkes Bild thematisieren zu können, kann man das Palmenmotiv mit verschiedenen Mustern konfrontieren und erhält jeweils neue Zusammenhänge:

  • Der Regen aus Herzen kombiniert mit der Palmenböschung suggeriert Exotik und Liebe.
  • Das Muster aus Symbolen für Radioaktivität konfrontiert mit den Palmen lässt uns an die Atomversuche auf dem Bikini-Atoll und radioaktive Verseuchung denken.
  • Das Muster aus niedlichen, aber giftigen Fliegenpilzen oder die putzigen Gartenzwerge eröffnen weitere Assoziationsketten, die mit dem Werk korrespondieren können.

Karin Rottmann