Die “Praktische Übung“ im Fachbereich Geschichte/Geschichtsdidaktik für die Ruhruniversität Bochum hatte den Titel: „Im Museum das Mittelalter erleben“. Die Studierenden staunten nicht schlecht, als sie in der Einführungsveranstaltung von einer chinesischen Drachenhandpuppe mit einem herzlichen „nǐmenhǎo“ (chinesich: Guten Tag!) begrüßt wurden. Einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer fragten verdutzt, ob sie in der richtigen Veranstaltung seien. Der Drache Long (chinesisches Wort für Drache) antwortete prompt, sie seien schon richtig, er sei Museumspädagoge im Museum Schnütgen und könne verdammt viel über das Mittelalter erzählen. Das beruhigte die Zweifelnden, und sie blieben alle auf ihren Stühlen sitzen.

Long Abb. 1
Long, ein chinesischer Drache (Foto: Museumsdienst Köln)

Long erzählte dann, wie er zu seinem Job gekommen ist. Als junger Drache waren ihm endlich mit 1000 Jahren die Flughörner gewachsen, und er war so begeistert, dass er los flog, plötzlich nicht mehr wusste, wo er war und schließlich eine Bruchlandung im Museum Schnütgen machte. Der Direktor schimpfte sehr und verpflichtete ihn, den Schaden abzuarbeiten. Seitdem muss er Führungen für Familien und Kinder machen. Natürlich musste er sich einarbeiten und hat eine Menge über das Museum und seine sehr unfreundlichen Verwandten aus Europa erfahren.

Dieser Einstieg in die Thematik gab uns die Gelegenheit, über das museumspädagogische Konzept zu diskutieren. Die Handpuppe ist ein geeignetes Identifikationsobjekt für Kinder, aber nicht nur das. Sie ermöglicht dem Besucher, einen anderen Blickwinkel einzunehmen und über die bewusst ausgewählte Figur des „chinesischen Drachens“ die scheinbar bekannten „eigenen kulturellen Bezüge“ von „außen“ zu betrachten.

Long bei der Arbeit
Der Drache Long bei der Arbeit (Foto: Museumsdienst Köln)

Die Methode, das Mittelalter aus einer neuen Perspektive heraus zu betrachten, wurde in mehreren, später stattfindenden Treffen der Übung zum Thema gemacht. Wir diskutierten das Problem, dass Kunstmuseen, die mittelalterliche Kunst ausstellen, sich mit der Dominanz christlicher Kunst auseinandersetzen müssen, und viele Zielgruppen sich nicht interessieren oder sich gar verweigern. Dies sehen wir aktuell bei multikulturellen Gruppen (z.B. Schulklassen mit vielen muslimischen Kindern) oder Schulklassen mit religionskritischer Elternschaft. 

Die Einführungsveranstaltung hatte das Ziel, die Studierenden für museumspädagogische Fragestellungen zu sensibilisieren, denn die „Verlebendigung“ des Mittelalters im Museum ist sehr komplex. Neben dem Programmformat Kinder- und Familienführung mit den „Hausdrachen Long“ im Museum Schnütgen wurde zudem noch der kleine Ausstellungsbegleiter „Schlüssel zum Mittelalter“ zur Diskussion gestellt. Der Museumsdienst Köln hat das mehrsprachige Heft für Kinder ab 8, Familien und die Primarstufe in 6 in Köln gesprochenen Sprachen konzipiert. Thematisiert werden darin Stadtlegenden, woran man bestimmte Figuren, wie die Mutter Gottes erkennen kann, dass Seifenblasen „Vergänglichkeit“ bedeuten, besonders kostbare Materialien, die verwendet wurden, und Techniken. Die Planerinnen und Planer des Heftes haben in diesem sehr niederschwelligen Angebot versucht, die religiösen Aspekte neutral darzustellen und auch den Blickwinkel beispielsweise aus muslimischer Sicht einzubringen. Die am Publikationsprojekt beteiligten türkischen Schulkinder wussten beispielsweise, dass „Maria“ in ihrem Glauben „Mariam“ heißt.

Karin Rottmann