Am Montag fuhren wir zu einer kleinen Abschlussfeier in die Einrichtung nach Gremberghoven, aus der vorletzte Woche eine Gruppe Kinder und Jugendlicher zu uns gekommen waren. Wir hatten eine sehr intensive und spannende Zeit miteinander verbracht und wollten die Ergebnisse den Eltern präsentieren. Damit schnürten wir den Kulturrucksack wieder zu, den wir vom 12. bis zum 16. Oktober für insgesamt 13 Kinder und Jugendliche geöffnet hatten. Die Jungen und Mädchen im Alter von 8 bis 15 Jahren kamen aus Herkunftsländern wie dem Kosovo, Mazedonien, Serbien und dem Irak. Sie waren bereits zwischen einem und zwei Jahren in Deutschland und sprachen durchaus gut Deutsch.

„Mein Blau kann summen – Traumreisen in Kunstlandschaften“ – das war das Konzept für dieses Kulturrucksack-Projektes, das erneut von Rosi Loos organisatorisch betreut wurde. Es bestand aus mehreren Workshops im Museum Ludwig und Wallraf-Richartz-Museum, die Karin Rottmann und ich als Museumspädagoginnen und Dulce Jimenez als Tanzpädagogin geleitet hatten. Um mögliche Verständnishürden zu überwinden, setzten wir in unseren Workshops überwiegend auf nonverbale Vermittlungsmethoden. Ich will versuchen, in diesem Blog-Beitrag von den zentralen Ansätzen zu berichten.

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Dulce Jimenez, Rosi Loos und Anke von Heyl mit den Jugendlichen im Museum Ludwig (Foto: Museumsdienst)

Montag – Was die Linie alles kann

Mit ihren Betreuern Ferdi und Salim Dzaferovic kam ein gemischtes Trüppchen neugieriger Jungs und Mädels ins Kulturquartier am Neumarkt. Mit Bruder Jürgen Neitzert und seinem Verein „Pro Humanitate“ haben wir schon öfter gemeinsame Projekte realisiert. So ein verlässlicher sozialräumlicher Partner ist für Kulturrucksack-Projekte ein Gewinn.

Das Tagesthema war die Linie. Nach einer kurzen Kennenlernphase, in der wir ein Netz aus Wollfäden gesponnen haben, lieferte Tanzpädagogin Dulce Jimenez entsprechende Impulse für die Körperarbeit. Es ging darum, Linien mit dem Körper nachzuempfinden. Dieser niederschwellige Einstieg machte den Kindern viel Spaß. Dazu vermittelte sich darüber auch eine gewisse Achtsamkeit aufeinander und die Übungen dienten auch dazu, sich als Gruppe zu formieren.

In der Werkstatt gab es dann verschiedene zeichnerische Aufgaben, bei denen der Umgang mit der Linie in ganz verschiedenen Techniken ausprobiert werden konnte. Vom Zeichnen nach Musik über ein Storytelling mit dem Bleistift bis hin zum aktuellen Ausmal-Trend gab es eine Menge Anregungen. Es war schön, zu sehen, dass auch die etwas älteren Jungs dem Zeichnerischen etwas abgewinnen konnten.

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Vor Monets „Seerosen“ (Foto: Museumsdienst Köln)

Dienstag – Fantasiereise in Monets Garten

Das Gemälde „Nymphéas“ von Claude Monet stand im Mittelpunkt unseres Workshops im Wallraf-Richartz-Museums. Es entstand eine fabelhafte Soundcollage. Nach Notizen, die vor dem Bild entstanden, wurden später mit einer Smartphone-App eigene Sounds aufgenommen. Froschquaken, Wassertropfen, Windrauschen und Vogelgepiepse – alles wurde selbst hergestellt. Kleine Kamerafahrten über das Bild mit Fokus auf besonders interessante Bildmotive dienten als Grundlage für einen kleinen Film.

Die Farbanalyse des Bildes machte allen riesigen Spaß. So lässt sich die impressionistische Malerei besonders gewinnbringend vermitteln. Jeder hatte seine Farbprobe (eine Garnrolle) und musste diese vor dem Bild abgleichen. In der Werkstatt wurden die entsprechenden Farben angemischt. Eine ausgegraute Bildvorlage diente dann als Malgrund, auf den alle mit „ihren“ Farben in impressionistischer Manier ein Bild hintupfen konnten.

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Theaterpädagogische Methoden vor Cy Twomblys „Schule von Athen“ (Foto: Museumsdienst Köln)

Mittwoch – Was macht die Kunst, wenn keiner hinsieht

Abstrakte Formen in Bewegung übersetzen – das war die Idee hinter diesem Workshop. Wir entschieden uns für die Geschichte einer Traumreise, die ihren Anfang mit Übungen zu einer Skulptur von Hans Uhlmann nahm. Die Dynamik der Skulptur wurde in tänzerische Bewegungen übersetzt. Weitere Stationen waren Werke von Hans Hartung und Jackson Pollock. Hier konnten die Kinder mit verschiedenen Materialien wie Schnüre und Fäden die gestischen Malweisen der Künstler nachvollziehen. Am Ende der Reise landete die Gruppe in der Schule 🙂 In der Schule von Athen, wie sie Cy Twombly 1964 malte. Das Detail der verdichteten Energien von Gedanken und Gefühlen, das aus dem Bild zum Betrachter spricht, wurde für die Schüler in Bewegungsstudien erfahrbar gemacht. So stellten sie zum Beispiel ein Streitgespräch nach. Aber auch lautes Durcheinander und ordnende Kräfte wurden in dem Bild identifiziert und in eine kleine Performance überführt.

Die anschließenden Malübungen lösten große Begeisterung bei der Gruppe aus. Nach Musik und in Stopptanz-Manier entstanden Gemeinschaftsarbeiten, die zeigten, dass die am Vormittag besprochenen Bilder ihre Spuren hinterlassen hatten – im wahrsten Sinne des Wortes 🙂

Donnerstag – Als die Kunstwerke laufen lernten

Tag 2 im Museum Ludwig, an dem wir mit tanzpädagogischen Methoden die Kunst lebendig werden ließen. Bei den Filz-Skulpturen von A.R. Penck wurden genaue Beobachtungen angestellt, wie diese „gebaut“ waren. Amorphe Formen, die mit bunten „Ringen“ verbunden und zu Figuren werden, die wie Wesen aus einer fernen Welt anmuten. In der anschließenden tänzerischen Auseinandersetzung entwickelten die Kinder in kleinen Gruppen Vorstellungen, wie sich diese fortbewegen könnten.

Klee, Paul, Narr in Trance, Öl & Leinwand, 1929 (Köln, Museum Ludwig, ML 76/3041.  (Foto: © Rheinisches Bildarchiv Köln, rba_c000251)
Paul Klee: Narr in Trance, 1929, Köln, Museum Ludwig (Foto: RBA Köln)
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Von Paul Klee inspiriert (Foto: Museumsdienst Köln)

Die Impulse, die vom „Kleinen Narr“ von Paul Klee ausgehen, regen ganz unmittelbar zu Tanzschritten an. Dulce Jimenez formte die einzelnen Ideen, die die Kinder zum Narr entwickelten, zu einer feinen kleinen Choreographie. Es macht immer wieder Spaß, wenn sich durch solche Perfomances auch die übrigen Museumsbesucher anregen lassen. Wir hatten eine ganze Menge begeisterter Zuschauer!

In der Werkstatt haben wir die Idee einer Unterwasserwelt weiter ausgearbeitet, in der die zum Leben erweckten Figuren sich wie in Zeitlupe bewegen können.

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Bei Kerzenlicht zu „Godfried Schalcken“ (Foto Museumsdienst Köln)

Freitag – Abenteuer im Kerzenlichtlabor

Der letzte Tag im Kulturrucksack-Projekt stand ganz im „Licht“ der aktuellen Ausstellung „Gemalte Verführung. Godefridus Schalcken“. Mit experimentellen Methoden näherten sich die Kinder den Bildern und erkundeten zum Beispiel mit künstlichen Kerzen „bewaffnet“ die Ausstellung. Damit ließ sich wunderbar entdecken, was der Künstler besonders gut malen konnte: seine Jacke schimmert seidig, sein Gesicht ist wie ein Foto, stellten die Kinder fest. Im Kerzenlichtlabor der Schalcken-Ausstellung konnten fantastische Experimente anstellen. Ausprobieren, wie sich Tageslicht vom Kerzenlicht unterscheidet zum Beispiel. Und es gab ein richtig tolles Fotoshooting. Mit unterschiedlichen Lichtverhältnissen rumprobieren – da waren alle begeistert! Nach dem Besuch der Ausstellung wurden die „Kerzenlichtfarben“ für Portraits gemischt. Kopien der Kinderfotos wurden im Stil Godefridus Schalckens mit den entsprechenden Farben bemalt.

Unser Fazit

Mit Kultur in Berührung kommen, sich der Kunst nähern und eigene Äußerungen dazu entwickeln – das sind wichtige Impulse, durch die Heranwachsenden das Museum als Begegnungsort kennenlernen können. Dass dies auch für Zielgruppen möglich gemacht werden kann, bei denen die Ressourcen für solche Unternehmungen knapp sein dürften, ist das Wunderbare an der Idee Kulturrucksack.

Vor allem die Kombination aus Bewegungsübungen, kreativer Betätigung und  wohl dosiert eingebauten Sprachspielen hat bei diesem Projekt gezündet. Das hat uns die Reaktion der Kinder gezeigt, die alle mit großer Freude und neugierigem Interesse mitgemacht haben.

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