Kirchner, Ernst Ludwig, Die Eisenbahnüberführung, Öl & Leinwand, 1914 (Köln, Museum Ludwig, ML 76/3110.  (Foto: © Rheinisches Bildarchiv Köln, rba_c010738)
Ernst Ludwig Kirchner; Die Eisenbahnüberführung, Museum Ludwig, Köln (RBA, Köln)

Irgendwann vor langer Zeit habe ich gemerkt, dass Kinder die Dinge, die auf Kunstwerken zu sehen sind, gar nicht richtig wahrnehmen. Sehr viele Kinder deuten beispielsweise die Brücke auf Kirchners Gemälde als Fluss. Aus dieser Beobachtung habe ich den Schluss gezogen, dass die Dinge benannt und gezeigt werden sollten. Hinzu kommt, dass unsere Kinder über immer weniger Wortschatz verfügen und oft die Dinge gar nicht richtig benennen können. Daraus ziehe ich die Konsequenz, dass im Museum „Sprache gefördert“ werden sollte. Meine These: Wer Wörter zu einem Bild kennen lernt, sieht mehr.

Ich versuche diese These am Beispiel zu verdeutlichen:

Es sind nicht nur Häuser auf dem Bild zu sehen, es sind große Häuser mit Balkonen und Erkern aus alter Zeit, Mietshäuser, die in der Stadt stehen und nicht in einem Dorf. Es sind Häuser mit Geschäften und Markisen. Eine Hauswand ist begrünt, vielleicht mit Efeu oder ist das Gebilde auf der Hauswand ein Werbeplakat? Der Maler hat die Dinge nicht so genau gemalt. Das sieht man auch bei den Menschen auf der Brücke. Die einfachste Art einen Menschen zu malen ist ein Strich.

Das Benennen und Auslegen der Wörter führt auch Grundschüler zu einer vertieften Betrachtung, ohne dass kunsthistorische Zusammenhänge erläutert werden müssen. Die Wahrnehmung und die Anbindung an Alltagserfahrungen sind wesentlich. Ich freue mich, wenn die Brücke auf dem Bild als Fluss gesehen wird. Dies gibt mir die Gelegenheit, über das Wetter zu sprechen. Ernst Ludwig Kirchner hat es im Bild „regnen“ lassen. Das Grün auf der Brücke ist kein Busch, sondern ein aufgespannter Regenschirm und das Wasser auf der Straße erleben wir vor unserem inneren Auge als ein „symbolisches“ Blau und erwarten nicht das Silbergrau der realen Situation: Die Maler des Expressionismus haben die Farben stärker gemalt als sie in Wirklichkeit sind.

Lokomotiven sind auf dem Bild und Wagons, Gleise, man kann auch Schienen dazu sagen, diagonal verläuft die Brücke durch das Bild. Man sieht Bäume mit zerzausten Baumkronen. Das deutet auf starken Wind. In den Kirchtürmen könnten Glocken läuten. Haben Sie die Straßenbahn entdeckt? Am unteren Rand blitzt ein Stück Balkon auf. Ernst Ludwig Kirchner hat sein Bild mit der auffälligen x-förmigen Komposition von dort aus gemalt. Ob er wohl den Lärm der Züge und der Großstadt nicht mochte? Vielleicht hat er die Szene deswegen wie mit zwei sich kreuzenden Strichen durchstreichen wollen?

In dieser Großstadtszene könnte es laut sein. Nach dieser intensiven Erkundung des Bildes können wir eine Geräuschkulisse zum Bild entwerfen. Die Geschichte, die ich im Museum zum Bild erzähle, wird von den Kindern „vertont“:

An einem kalten Morgen in Berlin

Es ist 6 Uhr in der Frühe. Die Kirchturmglocken läuten. Es regnet. Der Wind weht. Von ganz fern kommen zwei Züge immer näher. Das Geräusch der Züge wird immer lauter. Jetzt sind sie beim Bahnübergang angekommen. Dann werden die Zuggeräusche immer leiser. Menschen sind auf der Brücke. Einige von ihnen reden miteinander. Jetzt kommt die Straßenbahn. Sie bimmelt. Und hält quietschend an der Haltestelle. Weil es immer noch so stark regnet, und der Wind heult, laufen die Menschen schnell mit polternden Schritten zur Bahn, steigen ein, und die Türen klappen zu.

Fazit:

Die Förderung von Sprache unterstützt die Wahrnehmung von Kunst. Sprache im Museum ist keine Alltagssprache, hier geht es um „geschulte (Fach-)Sprache“. Der Wechsel von genauem Schauen und Aktion hilft Kindern, sich auf Aufgaben einzulassen, sich zu motivieren und zu konzentrieren. Museumspädagogische Übungen wie die „Geräuschkulisse“ helfen, Kunstwerke lebendig werden zu lassen und das Museum als einen Ort der Inspiration und Fantasie zu erleben.

Karin Rottmann