Im Museum Schnütgen lebt der Wilde Mann. Und er ist dabei sehr einsam. Daher hat er uns einen Brief geschrieben, den wir weiterleiten sollen. Das machen wir. Vielleicht kann ja jemand helfen!

Karin Rottmann

Wilder Mann
Wilder Mann, um 1386/1400, Köln, Museum Schnütgen,(Foto: RBA Köln)

Liebe Kinder!

Endlich habe ich einen guten Platz im Museum bekommen! Lange habe ich mit Moritz Woelk, dem neuen Direktor vom Museum Schnütgen verhandelt, damit er mich raus aus meinem Schattendasein an der alten Holzbank nimmt. Ihr findet mich jetzt neben den Figuren, die einmal das Rathaus geschmückt haben. Da komme ich ganz fein raus. Nun bin ich ein richtiger Promi.

Es gab auch früher immer wieder gute Menschen, die mir geholfen haben. Dankbar bin ich einem tollkühnen Schreiner, der mich vor dem Teufel gerettet hat. Das hat sich so ereignet: Der Dämon aus der Holzbank hatte mich schon fest gepackt und es hätte nicht viel gefehlt und ich wäre nicht mehr unter den lebenden Kunstwerken. Kurzerhand hat der gute Handwerker die Säge genommen und mich aus dem alten Chorgestühl und damit aus den Fängen des Teufels herausgesägt. Wenn ihr genau hinguckt, seht ihr noch die Kralle, die sich in meinen langen Beinhaaren verfangen hat

Ha, ha, autsch, das hat dem Teufel weh getan. Ehrlich gesagt, mir sitzt immer noch die Angst im Nacken und ein bisschen weh tut mir das Bein auch noch. Früher, das heißt vor mehr als 500 Jahren, haben Maler und Bildhauer gerne Figuren wie mich gemacht. Wir ha-ben ganz andere Eigenschaften als die vielen Heiligen und die frommen Bürger, die natürlich auch oft gemalt und geschnitzt wurden. Wir wilden Frauen und Männer waren halt „wild“ und nicht fromm wie die anderen. Und deshalb haben die Maler und Bildhauer auch immer gerne die Teufel auf uns gehetzt, weil die Leute, die nicht fromm und brav sind nicht in den Himmel kommen sondern von den bösen Dämonen in die Hölle gezerrt werden. Kein Wunder, dass wir so traurig sind.

Ihr seht, ich habe über die vielen Jahrhunderte in der Kirche und im Museum viel Stress gehabt. Aber das wird jetzt anders. In der neuen Sonderausstellung bin ich jetzt ein Promi und setze mich als „Wilder Mann“ gut in Szene, das habe ich dem Direktor versprochen. 

Aber meine Einsamkeit ist nicht schön. Ich hätte so gerne ein paar wilde Schwestern und Brüder. Könnt ihr mir helfen?

Liebe Grüße,

Euer Wilder Mann vom Museum Schnütgen