Vom 21. April bis zum 21. Oktober 2012 zeigen das Rautenstrauch-Joest-Museum die Sonderausstellung „Rama und Sita – Indiens schönste Liebesgeschichte“. 87 Bilder aus der Zeit zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert schildern Episoden aus dem Ramayana. Das berühmte indische Epos erzählt vom Raub der tugendhaften Sita und dem Kampf ihres Gatten Rama mit dem Dämon Ravana, der Sita in seinem Reich gefangen hält. Unterstützt wird Rama vom Affengott Hanuman. Die Malereien werden in eine begehbare Installation aus beleuchteten Raumkörpern eingebettet sein. In dieser stimmungsvollen Präsentation kann man dann die Bilder mit vergrößerten Details betrachten.

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Hanuman geht über das Wasser. Folio aus der kleinen Guler-Ramayana-Serie von 1775/80, Indien, Pahari-Region, Himachal Pradesh, Museum Rietberg Zürich (Foto Rainer Wolfsberger. © Museum Rietberg Zürich)

In seinem 1949 erschienen Buch „The Hero with a Thousand Faces“ hat der amerikanische Mythologie-Forscher Joseph Campbell beschrieben, wie Heldengeschichten funktionieren. Durch einen Vergleich von Märchen, Mythen und Sagen aus zahlreichen Kulturen und Religionen hat er ein Grundmuster festgestellt, das allem zugrunde liegt. Nach Campbell folgt eine Heldenreise etwa dieser Grundstruktur:

  1. Ausgangspunkt: Der Held in seiner Welt. Die Situation ist meist von großer Unzufriedenheit gekennzeichnet.
  2. Der Ruf des Abenteuers
  3. Ein Zweifel überfällt den Helden. Er muss mit sich ringen, ob er dem Ruf folgen soll.
  4. Das Überschreiten der Schwelle und der Einstieg/Abstieg in die andere Welt
  5. Der Mentor erscheint.
  6. Ein Amulett/ Talisman oder magisches Objekt spielt eine Rolle.
  7. Hindernisse und Prüfungen
  8. Auftreten des Widersachers/ Der Kampf mit ihm
  9. Höhepunkt der Handlung. Zugleich auch existenzieller Tiefpunkt des Helden
  10. Freisetzung verborgener Kräfte und Talente / Helfer des Helden / Magische Objekte
  11. Bergung des Schatzes / Elixier / Rettung der Prinzessin
  12. Rückkehr in die Ober-Welt / neuer Lebensmut
British Museum Rama
Darstellung des Rama, Company Malerei, um 1820, British Museum (Foto: The Trustees of Bristish Museum

Die Liebesgeschichte von Rama und Sita folgt an vielen Stellen einer ähnlichen Struktur. Oft wird man an Motive aus bekannten Märchen und Sagen erinnert. So, wenn Rama, um die Prinzessin Sita zur Frau zu bekommen, einen Bogen spannen muss, den zuvor kein anderer zu spannen vermochte. Manche Motive werden sogar zur Verstärkung an verschiedenen Stellen im Epos wiederholt. Wie das Motiv der Eifersucht, das einmal relativ schnell und harmlos abgehandelt wird, sich beim zweiten Mal aber zu einem dramatischen Höhepunkt der Geschichte entwickelt. Hier ist Sita so enttäuscht von Rama, dass sie ihre Mutter, die Erde, bittet sich aufzutun, um sie zu verschlucken. Doch auch in dieser Heldenreise heißt es: Ende gut alles gut! Man darf sich also auf die farbenprächtigen Bilder im Museum freuen.

Anke von Heyl